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Infoabend Erziehungsstelle als Beruf: 19.02.2019

BEATE VOLKS

„Wir haben die Entscheidung, ein geistig behindertes Kind aufzunehmen, nie bereut.“

 

Wäre der soziale Träger, bei dem ich mehrere Jahre als Sozialpädagogin gearbeitet habe, nicht abgewickelt worden, wäre ich dort sicher heute noch. Die Arbeit mit den Jugendlichen, die bei uns eine Ausbildung zum Maler und Lackierer machen konnten, hat mir sehr viel Spaß gemacht. Da es in Berlin aber mehrere solcher Träger mit ähnlichem Angebot gibt, mussten wir uns Jahr für Jahr an einer Ausschreibung beteiligen, um den Zuschlag für das nächste Ausbildungsjahr zu bekommen. Da war es ganz klar, dass ich mir, besonders in diesen schwierigen Phasen, immer wieder Gedanken darüber machte, wie es beruflich weitergehen sollte. Zu einer Kollegin sagte ich damals, dass ich mir auch vorstellen könnte, ein Kind aufzunehmen. Sie war ganz verwundert, weil sie auf diese Idee nie gekommen wäre. Schon Jahre zuvor hatte ich mal eine Annonce von proFam in der Zeitung gelesen, diese ausgeschnitten und aufgehoben.

Fünf Monate intensive Vorbereitung auf die Aufgabe

Als ich meinen Job verloren hatte, fiel mir die Annonce wieder ein. Bevor ich dann 2005 tatsächlich bei proFam angefangen habe, vergingen etwa fünf Monate, in denen mein Mann und ich sehr viele intensive Gespräche mit den Mitarbeiterinnen von proFam geführt haben. Auch meine Kinder waren bei einem Gespräch dabei und hatten so die Möglichkeit, viele Frage zu stellen. Wir haben zu Hause oft über dieses Thema gesprochen. Wenn mein Mann oder mein Sohn, der damals 16 Jahre alt war, zu große Zweifel gehabt hätten, hätte ich mich dagegen entschieden. Meine Tochter hatte zu diesem Zeitpunkt schon eine eigene Wohnung.

Angst, das Kind würde ersticken

Das erste Kind, das wir 2005 aufgenommen haben, war Benni. Er war etwa ein Jahr alt und hatte das Down Syndrom. Seine Mutter fühlte sich mit der Betreuung von Benni überfordert und wandte sich an das Jugendamt, damit er in einer Familie untergebracht werden kann. Benni hatte viele gesundheitliche Probleme. Vor allen Dingen nachts plagten ihn oft Bauchschmerzen, besonders schlimm aber waren seine Pseudokrupp-Anfälle. Die größte Angst um ihn hatten wir während des ersten Anfalls – wir dachten, er würde ersticken. Ich hatte bis dahin noch nie einen Pseudokrupp-Anfall bei einem Kind miterlebt. Wir riefen den Notarzt und ich fuhr mit Benni ins Krankenhaus. Die Anfälle, die in der nächsten Zeit folgten, waren dann nicht mehr so beängstigend. Wir hatten gut wirksame Medikamente zur Hand und lernten immer besser damit umzugehen. Was ja besonders für Benni wichtig war, damit sich die eigene Angst nicht auf ihn übertrug. Benni lebte sich schnell bei uns ein. Innerhalb kurzer Zeit wurde er ein sehr fröhliches Kind. Er hat einen ganz besonderen Charme und wurde sehr schnell zu einem Teil unserer Familie. Es war oft eine anstrengende, aber sehr schöne und intensive Zeit mit ihm.

Guter Kontakt zur leiblichen Mutter

Zu Bennis Mutter hatten wir von Anfang an einen sehr guten Kontakt. Sie besuchte ihn anfangs jeden Mittwoch bei uns zu Hause. Später verbrachte sie dann einmal in der Woche ein paar Stunden mit ihm alleine. Sie holte ihn bei uns ab und brachte ihn dann wieder zurück. Sie war sehr froh, dass Benni bei uns war und wünschte sich, dass er bei uns bleiben kann, bis er erwachsen ist.

Pflegefamilie als kostengünstigere Alternative bevorzugt

Aber eigentlich war von Anfang an klar, dass Benni nicht lange bei uns bleiben sollte. Das Jugendamt suchte für Benni eine Pflegefamilie, weil die Unterbringung dort kostengünstiger ist. Trotz dieses Wissens wurde unsere Bindung an Benni mit der Zeit immer enger. Auch Bennis Mutter sagte das Jugendamt immer wieder, dass es intensiv nach einer Pflegefamilie sucht. Sie hatte Angst davor, dass er in eine Familie kommt, die sie nicht kennt und die sie vielleicht nicht mögen würde. So fragte sie die Eltern einer Freundin, ob sie sich vorstellen könnten, Benni aufzunehmen. Sie sagten zu. Nachdem das „ja“ vom Jugendamt kam, begann die Anbahnungsphase, während der ich mit Benni mehrmals die Familie besuchte.

Ungutes Gefühl bei der vorgeschlagenen Pflegefamilie

Diese Zeit war sehr, sehr schwierig für mich. Ich hatte ein sehr ungutes Gefühl und große Zweifel, ob dieses Paar Benni ein liebevolles Zuhause bieten kann und ihn mit Blick auf seine geistige Behinderung würde fördern können. Als der vorgesehene Pflegevater dann einmal bei uns zu Besuch war und mir offen erzählt hat, dass er am Tag zuvor seinen 13jährigen Sohn „ordentlich verdroschen“ habe, war ich völlig außer mir. Völlig verzweifelt rief ich bei proFam an. ProFam kontaktierte daraufhin das Jugendamt und die Sache wurde gestoppt.

Vorwürfe, zu wenig um das Kind gekämpft zu haben

In den folgenden Monaten schien es so, als ob das Jugendamt keine Pflegefamilie finden würde. Wir wurden von proFam gefragt, ob wir uns vorstellen könnten, Benni bis zu seinem 18. Lebensjahr zu betreuen, falls das Amt mit der weiteren Suche keinen Erfolg haben würde. Nach vielen Gesprächen mit meinem Mann und meinen Kindern sagten wir „ja“. Nun schöpfte auch Bennis Mutter wieder Hoffnung, dass er doch bei uns bleiben könnte.

Nach rund anderthalb Jahren fand das Jugendamt dann doch eine Pflegefamilie für Benni. Im Nachhinein habe ich mir große Vorwürfe gemacht, weil ich dachte, ich hätte gemeinsam mit Bennis Mutter mehr darum kämpfen müssen, dass Benni doch bei uns bleiben kann. Sie hatte das Sorgerecht für ihren Sohn. Mir war damals einfach nicht klar, welche Rechte sie dadurch hatte.

Leiden unter der Trennung

Auf meine Frage, ob es irgendeine Möglichkeit gäbe, dass Benni bei uns aufwachsen kann, antwortete mir eine Mitarbeiterin des Jugendamtes, ich müsse bei proFam kündigen und Benni als Pflegemutter betreuen. Nach vielem Nachdenken und Gesprächen mit meinem Mann entschied ich mich dagegen. Pflegemutter zu sein war nicht das, was ich wollte. Ich wollte eingebunden sein in ein Team und eine Organisation wie proFam. Als mein Schmerz über den Verlust von Benni immer größer wurde und ich miterlebte, wie mein Mann und auch mein Sohn unter der Trennung litten, bereute ich die getroffene Entscheidung bitter.
Kurz nach dem Umzug von Benni in seine Pflegefamilie besuchte ich ihn noch sehr oft. Seine große Trauer über unsere Trennung mitzuerleben, war sehr schlimm für mich. Ich konnte ihm ja nicht erklären, warum ich ihn nicht wieder mitnehmen kann. Er war jetzt zweieinhalb Jahre alt, konnte aber noch nicht sprechen. Immer wenn ich gehen wollte und zu meiner Tasche griff, weinte er, krabbelte auf mich zu und klammerte sich an mich.

Auch nach der Trennung noch Kontakt

Mein Mann und ich haben heute noch Kontakt zu Benni und besuchen ihn drei- bis viermal im Jahr. Ich bin sehr froh darüber, diese Möglichkeit zu haben. Einige Freunde gaben mir damals den Rat, Benni nicht mehr zu sehen, um besser über diese Trennung hinweg zu kommen. Ich glaube, dass es der bessere Weg ist, den Kontakt zu halten. Ich werde oft gefragt, ob Benni uns erkennt. Wenn er sich auch nicht mehr bewusst daran erinnert, bei uns gelebt zu haben, ist auf jeden Fall ein gewisses Vertrauen da. Er freut sich immer, wenn er uns sieht. Es ist schön, seine Entwicklung zu sehen und zu verfolgen und zu sehen, dass es ihm gut geht. Bennis Mutter hat ihren Sohn, seitdem er in der Pflegefamilie lebt, leider nur noch sehr selten besucht. Seit etwa einem Jahr war sie gar nicht mehr dort.

Keinen emotionalen Zugang zum neuen Kind gefunden

Etwa vier Wochen, nachdem Benni ausgezogen war, nahmen wir ein neues Kind auf: Tom, damals drei Jahre alt. Im Nachhinein kann man sagen, dass wir den Verlust von Benni zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nicht verarbeitet hatten und der Schmerz noch sehr groß war. Zu Tom haben leider weder ich noch meine Familie einen emotionalen Zugang gefunden. Es war uns allen relativ schnell klar, dass zwischen uns die Chemie einfach nicht stimmte. Trotzdem gab es anfangs auch immer wieder Tage, an denen ich dachte, dass sich das im Laufe der Zeit vielleicht noch ändern könnte. In dem Fall von Tom war klar, dass er bis zu seinem 18. Lebensjahr in der Familie bleiben würde, die sich für ihn entscheidet. Nach etwa zehn Wochen beschloss ich gemeinsam mit meinem Mann, dass Tom nicht in unserer Familie aufwachsen kann. Ich war der Meinung, dass man lieber rechtzeitig einen schmerzhaften Schnitt macht, als jahrelang etwas durchzuhalten, was nicht funktionieren kann.

Arbeit in familienintegrativem Kinderheim als Alternative

Zur gleichen Zeit hatte ich auch finanzielle Ängste, da die berufliche Zukunft meines Mannes eine Zeit lang unsicher war. Ich kündigte bei proFam und nahm eine Stelle als Erzieherin in einem familienintegrativen Projekt in einem Kinderheim an. So hatte ich einerseits die Möglichkeit, Abstand zu gewinnen und andererseits auch mehr Geld zu verdienen. Bei proFam waren viele über meinen Schritt erschrocken, was ich im Rückblick verstehen kann. Tom wurde von einer proFam-Kollegin aufgenommen, bei der er heute noch lebt und bei der es ihm sehr gut geht.

Zu wenig Zeit für die einzelnen Kinder

In dem familienintegrativen Projekt des Kinderheims, in dem ich dann arbeitete, lebten etwa 13 Kinder, teilweise mit ihren Eltern auf einer Etage zusammen. Manche Eltern zogen nach einiger Zeit wieder aus und verbrachten nur tagsüber Zeit mit ihren Kindern. Die Eltern sollten mit pädagogischer Unterstützung fit gemacht werden, spätestens nach etwa anderthalb Jahren wieder alleine mit ihren Kindern leben zu können. Es gelang mir relativ schnell, das Vertrauen der bei uns untergebrachten Kinder und deren Eltern zu gewinnen. Es war sehr schön zu erleben, dass sie sich freuten, wenn ich Dienst hatte. Die Arbeit machte einerseits viel Freude, andererseits war es unter den gegebenen Bedingungen schwer, den vielen Kindern und ihren Eltern mit ihren vorhandenen Problemen gerecht zu werden. Man arbeitete dort als Erzieherin im 24-Stunden-Dienst, der um zehn Uhr morgens begann und theoretisch am nächsten Tag um 10 Uhr enden sollte. Meist zog sich der Dienst aber noch einige Stunden länger hin. Unterstützung bekam man nur von einer Kollegin, die für etwa fünf Stunden  am Nachmittag „Zugehdienst“ hatte. Ich hatte einfach den Wunsch, mehr Zeit für die einzelnen Kinder und die einzelnen Eltern zu haben. Mit der Zeit kam ich dann zu dem Schluss, dass ich mit diesem Konflikt auf Dauer nicht leben wollte.

Rückkehr zu proFam

Nach circa sieben Monaten nahm ich wieder Kontakt zu proFam auf. Die Kolleginnen sagten mir, dass sie sich freuen würden, wenn ich zu proFam zurückkäme. Ich hatte mich dort immer wohl gefühlt und mein Mann und ich konnten uns gut vorstellen, nun wieder ein Kind aufzunehmen. Auch mein Sohn, der noch bei uns lebt, war einverstanden. Er geht inzwischen seine eigenen Wege und ist nur selten zu Hause. Trotzdem war mir seine Meinung sehr wichtig. Allerdings hatte ich auch Angst davor, dass sich so eine Erfahrung, wie wir sie mit Tom gemacht hatten, wiederholen könnte. Ich nahm mir vor, diesmal ganz stark meinem Bauchgefühl zu vertrauen.

Entscheidung für ein geistig behindertes Kind

Bevor Benni zu uns kam, konnte ich mir nicht vorstellen, wie es ist, mit einem geistig behinderten Kind zusammen zu leben oder mich gar bewusst dafür zu entscheiden. Das war nun anders. Ich arbeitete weiter im Kinderhaus, bis wir im Juni 2008 Moritz bei uns zu Hause aufnahmen. Moritz lebte damals seit einem halben Jahr in einem Kinderheim. Als wir ihn das erste Mal sahen, waren wir sehr erschrocken. Er war sehr ernst, seine Gesichtszüge waren wie versteinert. In den folgenden Wochen verbrachte ich zunehmend mehr Zeit mit ihm. Ich besuchte ihn im Kinderheim, später konnten mein Mann und ich mit ihm zu uns nach Hause fahren und dort einige Stunden gemeinsam verbringen. Er fasste immer mehr Vertrauen zu uns. Er freute sich auf seine Art, wenn wir kamen, und zeigte Traurigkeit beim Abschied.

Vater war mit der Aufgabe überfordert

Moritz ist ein Frühchen, bei seiner Geburt wog er nur 710 Gramm. Seine Mutter erlitt eine Gehirnblutung, als Moritz etwa zwei Jahre alt war. Seitdem ist sie schwer behindert und lebt in einem Pflegeheim. Der Vater von Moritz war seit diesem tragischen Ereignis mit der Betreuung seines Kindes allein auf sich gestellt. Es wurde für ihn immer schwerer, diese Aufgabe zu bewältigen und auch die Hilfe des Jugendamtes anzunehmen. Moritz hat einen sehr großen Entwicklungsrückstand und auch gesundheitliche Einschränkungen, was die Situation für seinen Vater sicherlich noch schwieriger machte. Das Jugendamt entschied nach etwa einem halben Jahr, Moritz vorübergehend in einem Kinderheim unterzubringen und später einen dauerhaften Lebensort für ihn zu finden.

Entwicklung zu einem offenen und fröhlichen Kind

Unsere Familie ist inzwischen sein Zuhause geworden. Er hat sich zu einem offenen, fröhlichen Kind entwickelt. Moritz sieht seinen Vater regelmäßig in den Räumen von proFam und auch seine Mutter besuchen wir gemeinsam im Pflegeheim. Sie sagt mir sehr oft, dass sie sehr froh darüber sei, dass Moritz in unserer Familie lebt. Für Moritz seinen Vater war das in den ersten Monaten sehr schwer auszuhalten. Im Laufe der Zeit hat sich das aber mehr und mehr geändert. Er sieht, dass es Moritz bei uns gut geht. Besonders für Moritz ist es schön, dass die Stimmung zwischen uns Erwachsenen während der Besuchskontakte mittlerweile freundlich und entspannt ist. Moritz ist ein sehr unruhiges Kind. Es fällt ihm sehr schwer, sich alleine zu beschäftigen. Darum muss man immer hundertprozentig für ihn da sein und kann ihn eigentlich nicht aus den Augen lassen.

Unterstützung von den eigenen Kindern unbezahlbar

Ich bin sehr froh darüber, dass meine Kinder mich unterstützen. So habe ich die Möglichkeit, ab und zu mit meinem Mann abends auszugehen oder auch mal ein Wochenende zu vereisen. Meinem Mann bin ich sehr dankbar, dass er immer, wenn es um Moritz geht, an meiner Seite steht. Er begleitet uns zum Beispiel zu den vielen Arztterminen und macht alle Freizeitaktivitäten, die sich ja doch nach Moritz seinen Bedürfnissen richten, gut gelaunt mit. Obwohl es mit Moritz manchmal auch sehr anstrengend ist, haben wir die Entscheidung, ihn bei uns aufzunehmen, nicht bereut. Es ist einfach schön zu erleben, wie er sich entwickelt und wie er es geschafft hat, Vertrauen zu Menschen zu fassen. Ich werde ihn in seiner Entwicklung fördern, so gut ich kann. Auch wenn ich weiß, dass er manche Dinge vielleicht nicht lernen wird. Wir werden ihn deshalb nicht weniger gern haben.