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Infoabend Erziehungsstelle als Beruf: 19.02.2019

STEFFI MANN

„Man kann den Kindern nur Hilfestellungen bei ihrer Entwicklung geben – und das machen wir gerne, das ist unsere Aufgabe.“

 

Ich hatte nie den Plan, mal ein Pflegekind aufzunehmen. Ebenso wenig wie ich jemals vorhatte, Erzieherin zu werden. Die fünf Pflegekinder, die ich in den vergangenen rund zweieinhalb Jahrzehnten aufgezogen habe, sind mir mehr oder weniger zugelaufen. Ich habe mich nicht danach gerissen. Sie waren durch zufällige Umstände irgendwann irgendwie da – und sind dann nicht mehr gegangen. Ähnlich wie die Katzen und Hunde, die bei uns leben: Die waren auch irgendwann einfach da.

Urgestein bei proFam

Bei proFam bin ich das Urgestein, das heißt, von Anfang an dabei. Wir, das heißt meine Lebensgefährtin Monika und ich, kannten damals (1998) die Sekretärin bei proFam. Sie war eine Bekannte von uns. Sie fragte uns, ob wir nicht für eine kurze Zeit neugeborene Drillinge aufnehmen könnten, weil deren Eltern nicht für sie sorgen würden. Ihr Argument: Ich hätte doch bereits Erfahrung mit Pflegekindern. Damals störte es nicht, dass ich keine Erzieherausbildung hatte. Bevor ich 1998 bei proFam angefangen habe, hatte ich zu DDR-Zeiten viele Jahre als Buchhändlerin gearbeitet und später als selbstständige Unternehmerin Sonderaufträge für ausgefallene Schreinerarbeiten vermittelt.

Drei Kinder statt einem Kind aufgenommen

Eigentlich wollten wir damals nur ein Kind aufnehmen. Weil wir unsere Bekannte dabei unterstützen wollten, dieses Pilotprojekt bei proFam umzusetzen, haben wir dann doch alle drei Geschwisterkinder aufgenommen. Wir dachten, für die vorgesehenen drei bis sechs Monate kriegen wir das schon hin. Zu unserer Unterstützung sollten uns eine weitere Erzieherin und eine Haushaltshilfe an die Seite gestellt werden.

Kinder wogen bei der Geburt weniger als ein Kilo

Als Jakob, Julian und Jasper zur Welt kamen, wogen sie lediglich 780, 920 und 1000 Gramm. Als extreme Frühgeburten mussten sie drei Monate lang im Krankenhaus ärztlich versorgt werden, bis sie fünf Pfund schwer waren. Die Drillinge waren die Kinder Nummer 12 bis 14 ihrer Eltern. Ihre Mutter hatte das Krankenhaus nach zehn Tagen verlassen, ohne sich abzumelden. Danach war sie Ewigkeiten nicht mehr erreichbar. Aus der Familie waren schon vorher etliche Kinder rausgenommen worden, nur fünf lebten damals noch bei ihren leiblichen Eltern. Diese hatten unter anderem ein erhebliches Alkoholproblem.
Als ich die Kinder damals gemeinsam mit meiner Lebensgefährtin Monika aufgenommen habe, gingen wir davon aus, dass das eine Maßnahme von überschaubarer Dauer sei – zwischen drei und sechs Monaten eben.

Eltern wollen keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern

Inzwischen sind rund anderthalb Jahrzehnte vergangen und die Kinder leben noch immer bei uns. Erst nach etwa einem halben Jahr hatten sich die Eltern erstmals bei uns gemeldet, dann im Laufe der folgenden anderthalb Jahre vielleicht noch fünf Mal. Seitdem haben sie keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern. Anfangs wollten sie die Kinder noch zurückhaben. Aber als sie mitbekommen haben, wie schwierig diese sind, ließen sie ganz schnell von diesem Vorhaben ab. Nach einiger Zeit  wurde es für uns zunehmend wichtiger zu wissen: Bleiben die Kinder nun bei uns oder nicht? Wir brauchten Gewissheit, weil man ja mit der Zeit eine intensive Beziehung zu den Kindern aufbaut, ohne die man diese Tätigkeit auf Dauer gar nicht machen kann.

Bis heute verzögerte Entwicklung und starke Verhaltensauffälligkeiten

Die Drillinge sind bis heute entwicklungsverzögert und stark verhaltensauffällig. Mit 13 Jahren wogen sie erst rund 25 Kilogramm und waren nur etwa 1,30 Meter groß, wie normalerweise etwa 6-Jährige. Manche ihrer Klassenkameraden sind mehr als doppelt so schwer wie sie. Bis zum Alter von drei Jahren waren die Kinder nicht krippenfähig.

Die drei weisen typische Symptome von Kindern von Alkoholikern auf. Äußerlich beispielsweise zu sehen an ihren schmalen Lippen, innerlich manifestiert an ihrem Intelligenzdefizit. Zwei der drei zeigten nach der Geburt keine Neugeborenenreaktionen, der dritte nur sehr wenige. Obwohl sie Nabel- und Leistenbrüche hatten, haben wir sehr früh mit einer Druckpunkttherapie angefangen, um die Kinder zu fördern. Das haben wir konsequent durchgezogen, auch wenn das Geschrei währenddessen immer sehr groß war. Ergotherapie steht bis heute für die drei regelmäßig auf dem Programm.

Alle Schwierigkeiten immer mal Faktor drei

Bis heute verläuft die Entwicklung der Kinder noch immer sehr verzögert, sie sind hyperaktiv und haben ADHS. Das alles ist meiner Meinung nach die Folge des starken Alkoholkonsums ihrer Eltern. Die Kinder müssen medikamentös mit Ritalin behandelt werden, was bei den dreien unterschiedlich gut wirkt. Am meisten hapert es bei den Kindern bei der Wahrnehmung. Für sie ist alles flüchtig, sie können Eindrücke nicht so aufnehmen, verarbeiten und speichern wie normale Kinder. Die Kinder können sich teilweise selbst auch gar nicht richtig wahrnehmen. Denen muss man alles viel öfter erklären, bis sie etwas verstehen und annehmen können. Wie gesagt – und das alles immer mal Faktor drei. Gehen Sie mal mit drei Kindern raus, die laufen, aber nicht hören können!

Andere Erzieherinnen kommen mit den Kindern nicht klar

Das Leben mit diesen wahrnehmungsgestörten Drillingen ist sehr, sehr anstrengend. Ist ein Problem gerade überstanden, da kommt meist auch schon das nächste. Mit den Kindern ist es so, als würde man eine Feder ganz langsam spannen und dann loslassen, und das mal Faktor drei. Wer die Spannung da nicht rechtzeitig herauslässt, kommt damit nicht klar: Das war bisher bei allen Erzieherinnen so, die uns in der Vergangenheit unterstützen wollten.

Manche Dinge lernen die Kinder sehr schnell

Die Kinder sind sehr unterschiedliche Charaktere und in unterschiedlichen Bereichen auch unterschiedlich weit entwickelt. Der eine kann beispielsweise noch immer nicht lesen und schreiben, aber nach mehrmaligem Hören nach kurzer Zeit ein Gedicht auswendig lernen – selbst wenn es chinesisch ist. Der andere hat ausgeprägte autistische Züge und hängt seinen Bezugspersonen sprichwörtlich immer am Rockzipfel. Er konnte jedoch als erster lesen. Andererseits hat er einen ausgeprägten Kontrollzwang und von allen dreien die größten Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich und bei der Kommunikation. Manche Dinge lernen diese Kinder jedoch sehr schnell. Die drei konnten alle mit drei Jahren Fahrrad fahren, mit sechs Jahren schwimmen. Zwei von ihnen machen jetzt Boxtraining, die dritte geht regelmäßig zum Gitarrenunterricht.

Kinder werden nie einen normalen Beruf ausüben können

Es ist abzusehen, dass die drei nie einen normalen Beruf werden ausüben können, ihr Leben wird immer eingeschränkt bleiben. Aber vielleicht werden sie irgendwann einmal einer einfachen geregelten Tätigkeit nachgehen und in einer betreuten Wohngruppe leben können. Letztendlich ist es so wie es ist, darüber denkt man nicht nach. Man kann den Kindern nur Hilfestellungen bei ihrer Entwicklung geben. Das machen wir gerne, das ist unsere Aufgabe.

Pflegekind zugelaufen

Bevor ich die Drillinge aufgenommen habe, hatte ich vorher bereits zwei Pflegekinder. Wie an die Drillinge bin ich auch zu diesen eher zufällig gekommen. Mein erstes Pflegekind war Karl. Karl lernte ich kennen, als ich ehrenamtlich als Familienbetreuerin bei der Jugendhilfe gearbeitet habe. Karl war im Alter von 14 Jahren aus einem Schwer-Erziehbaren-Heim aus Sachsen nach Berlin gekommen und fand sich hier überhaupt nicht zurecht. Er war damals in der sechsten Klasse und sollte der Schule verwiesen werden, weil die Lehrer keine Aussicht auf einen wie auch immer gearteten schulischen Erfolg mehr bei dem Jungen sahen.

Meisterschule statt Schulabbruch

Kurz nachdem ich Karl und er mich kennengelernt hatte, stand er nur Woche später bei mir zu Hause auf der Matte und wollte nicht mehr gehen. Also habe ich ihn aufgenommen. Dieter war eigentlich ein pfiffiges Kerlchen. Darum habe ich die Ansichten der Lehrer nicht akzeptiert, sondern gesagt, dass Karl die siebte Klasse schafft. Das war dann auch so. Er hat dann später sogar einen erfolgreichen Schulabschluss gemacht. Heute ist er Malermeister. Kontakt habe ich heute keinen mehr zu ihm. Ich habe Karl geholfen und unterstützt, sein Leben aufzubauen – dann war aber auch gut.

Auch nach dem Auszug noch intensiven Kontakt

Mein zweites Pflegekind war Lisa. Lisa ist die Tochter meiner damaligen Lebensgefährtin. Diese war Alkoholikerin und konnte bald nicht mehr adäquat für ihr Kind sorgen. Darum lebte ihre Tochter ab dem Alter von drei Jahren erst bei ihren Großeltern und später bei dem Bruder meiner damaligen Lebensgefährtin, der bereits vier Kinder hatte. Die Situation dort war allerdings für Lisa mehr als schwierig. Da ich Lisa von früher kannte, habe ich sie damals aufgenommen, als sie acht Jahre alt war. Zu ihr habe ich noch heute intensiven Kontakt – zurzeit hilft uns ihr Mann dabei, unser Haus zu renovieren.

Erzieher-Ausbildung mit 60 Jahren

Vor zwei Jahren habe ich im Alter von über 60 Jahren auch endlich meine Erzieher-Ausbildung gemacht und abgeschlossen. Als ich die Drillinge vor mittlerweile mehr als zwölf Jahren aufgenommen habe, war ich bereits 50 Jahre alt. Ob wir es schaffen werden, dass die Kinder bis zu ihrem 18. Lebensjahr bei uns bleiben können, weiß ich nicht. Wenn die drei noch schwieriger werden sollten als sie bereits eh schon sind, schaffen wir das wahrscheinlich nicht. Aber ausgeschlossen ist das nicht. Vielleicht ist ja auch eine betreute Jugendwohngruppe perspektivisch eine gute Alternative für die drei. Sicher ist nur, dass wir danach keine Pflegekinder mehr aufnehmen werden. Dann werden wir endlich wieder die Möglichkeit haben, mal zu zweit spontan zusammen ins Theater zu gehen.