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Infoabend Erziehungsstelle als Beruf: 19.02.2019

ILONA BROCK

„Was ich selber als Kind nicht hatte, möchte ich jetzt zu mehr als 100 Prozent weitergeben.“

 

Als ich im Krankenhaus vor Antons Bettchen stand und ihn das erste Mal sah, habe ich gedacht: Oh Gott, das ist eine Nummer zu groß für dich. Mindestens eine. Anton war damals fünf Monate alt und sah ganz fürchterlich aus. Er hatte eine richtige Totenblässe im Gesicht und eine große Leere in den Augen. In seinem sehr großen Kopf steckte ein Schlauch, damit er mit seinen großen Hirnschädigungen lebensfähig ist. Als ich das kleine Würmchen aus dem Bett gehoben habe, hat er mich ganz doll mit seinen kleinen Fingerchen angefasst, nicht mehr los gelassen und mich angelacht: In diesem Augenblick habe ich gedacht: Ganz klar, dir muss ich helfen. In diesem Moment habe ich nicht logisch nachgedacht, was da noch kommen könnte.

Entscheidungen aus dem Bauchgefühl

Ich hatte ja vorher noch nie mit behinderten Kindern zu tun. Aber ich habe Anton von Anfang an ins Herz geschlossen. Ich habe mich dann in die Arbeit hineingestürzt und musste schnell erkennen, wie krank dieser Junge wirklich ist. Eine Ärztin hat ganz bestürzt zu mir gesagt: Um Gottes Willen, wie können sie so ein Kind aufnehmen? Die Ärzte haben gesagt, er werde niemals sitzen, niemals laufen, niemals sprechen können. Aber das hat mich nicht abgeschreckt. Im Gegenteil, Anton war von Anfang an ein ganz besonderes Kind für mich, weil er so charmantes und freundliches Wesen hat. Ich habe in der Folgezeit viele Dinge aus Bauchgefühl heraus entschieden, auch wenn dabei oft große Ängste mitgespielt haben.

Ein Wunder, dass er laufen kann

Die Zusammenarbeit mit Kinderärzten und Therapeuten war letztendlich sehr erfolgreich. Heute ist Anton elf Jahre alt, kann sprechen und laufen. Es ist wie ein Wunder. Wir haben es geschafft. Anton zeigt, was möglich ist, wenn man Kindern frühzeitig Hilfe gibt. Wir hatten großes Glück, dass so viele Menschen an unserer Seite waren, die uns unterstützt und geholfen haben, wie manche Ärzte und die Mitarbeiterinnen von proFam.

Mehr als 30 Krankenhausaufenthalte

Allerdings hat dieses Kind in seinem kurzen Leben bereits mehr als 30 Krankenhausaufenthalte hinter sich und musste oft operiert werden. Ich war dann Tag und Nacht bei ihm, habe ihn nie alleine gelassen. Zwischen mir und Anton besteht eine ganz enge Beziehung. Ich bin so glücklich, dass mir proFam diese Begegnung ermöglicht hat. Anton ist für alles, was man für ihn tut, immer dankbar, er ist immer herzlich und freundlich. Ich habe den Eindruck, dass behinderte Kinder viel intensiver fühlen. Anton ist in den zehn Jahren, in denen er bei mir lebt, nicht nur meine Arbeit, sondern auch mein Kind geworden. Ich wünsche mir sehr, dass ich ihn noch begleiten darf, bis er 18 Jahre alt ist und dass er dann einen Platz hier in der Gesellschaft findet, beispielsweise in einer betreuten Wohngruppe und einer geeigneten Werkstatt. Er wird ja immer jemanden an seiner Seite brauchen.

Niemand weiß, was dem Kind angetan wurde

Als Anton im Alter von drei Monaten ins Krankenhaus kam, war er in einem sehr kritischen Zustand. Er hat massive Hirnblutungen, blutunterlaufene Augen, Hämatome an Kinn und Kiefer. Die Wahrheit über das, was Anton passiert ist, weiß keiner. Fakt ist, dass ihm die Verletzungen nicht alleine passiert sein konnten. Anton ist das siebte von acht Kindern. Als das mit Anton passiert ist, wurden sofort alle noch bei den Eltern lebenden Kinder vom Jugendamt aus der Familie herausgenommen. Antons Eltern sind geistig behindert und benötigen auch selbst einen großen Betreuungsaufwand und viele Hilfestellungen von außen. Der Vater ist 2008 verstorben. Das achte und jüngste Kind, ein Mädchen, lebt noch bis heute bei der Mutter.

Trotz Wut enge Zusammenarbeit mit der Mutter

Mit der Mutter habe ich von Anfang an eng und regelmäßig zusammengearbeitet. Ich muss zugeben, dass es mir anfangs sehr schwer fiel, mit meiner Wut und meinem Hass umzugehen. Auf der anderen Seite sehe ich in Antons Mutter eine bedürftige Frau, die ihr Leben nicht alleine auf die Reihe kriegen konnte, weil sie überfordert war. In der Zeit, als das mit Anton passiert ist, lag der Mann im Krankenhaus und sie war alleine mit den Kindern zu Hause. Die Eltern haben später immer wieder gesagt, dass es ihnen sehr leid tut, was Anton damals passiert ist. Infolge der Vorkommnisse damals ist Anton heute Epileptiker und muss morgens und abends starke Medikamente nehmen, was wegen deren Nebenwirkungen sehr beunruhigend für mich ist. Er hat öfters Ausfälle. Wenn ich ihm etwas sage oder erzähle, fragt immer und immer wieder nach, als wäre es das erste Mal. Da muss man manchmal schon einen langen Atem haben. Er ist jetzt in der 5. Klasse und geht sogar auf eine Förderschule.

Geringes Selbstwertgefühl wegen Trauma

Seine Motorik ist noch immer entwicklungsverzögert, aber er kann mittlerweile sprechen und gehen. Im Hort ist er sogar beim Schachzirkel dabei, wenngleich logisches Denken bei ihm nicht drin ist und er auch nur sehr wenig Ausdauer hat. Er braucht sehr viele Ruhepausen. Deshalb ist es auch gut, dass wir auf dem Land im Süden Mecklenburg-Vorpommerns leben. Oft habe ich allerdings auch Angst um ihn: Wegen seines Traumas hat er ein sehr geringes Selbstwertgefühl und ist sehr ängstlich. Ich hoffe, dass wir daran in den nächsten Jahren noch arbeiten können, so dass er sich irgendwann auch mal wehren kann.

Keine Freunde

Er hat keine Freunde, im Hort spielt er immer nur mit den beiden anderen Integrationskindern. Er hängt sehr häufig an meiner Seite und schläft bis heute noch zum größten Teil mit mir im Bett. Er kann sehr schwer alleine in seinem Bett schlafen, obwohl das nur einen Meter neben meinem steht. Anton ist ein lebensfroher und sehr charmanter Junge, und wenn er mit seinem Quad durchs Dorf fährt, kann auch er mal cool sein.

Trennung in böser Atmosphäre

2007 war ich bereit, ein weiteres Kind aufzunehmen. Josefine war 14 Jahre und hatte vorher sechseinhalb Jahre in einer anderen Erziehungsstelle gewohnt. Wir haben uns allerdings nach rund zwei Jahren in einer sehr bösen Atmosphäre getrennt. Josefine hat mich im Alter von 16 Jahren verlassen. Nach einer längeren Pause hat sie vor einigen Monaten wieder Kontakt zu mir aufgenommen. Ich bin glücklich, dass sie wieder da ist und wir miteinander reden können.

Rettung vor der Psychiatrie in letzter Sekunde

Vor einigen Monaten habe ich ein weiteres Kind aufgenommen: Nils, damals knapp vier Jahre alt. Wenn ich ihn nach einem Notfallanruf nicht ein paar Stunden später aufgenommen hätte, wäre er noch am gleichen Tag in die Psychiatrie gebracht worden. In diesem Moment habe ich mir gedacht: Da musst du helfen, bei so einem kleinen Kerl muss doch noch was zu schaffen sein, da kann doch noch nicht alles kaputt sein. Ich habe Nils also aufgenommen, ohne ihn zuvor je gesehen zu haben. Er ist in einem ganz fürchterlichen Zustand bei mir angekommen.

Bei sechs verschiedenen Familien untergebracht

Er hatte sich am ganzen Körper sehr schlimm selbst verletzt. Er hatte sehr starke Verhaltensauffälligkeiten, hat alles zerstört, was er in die Finger bekam, hörte überhaupt nicht. Bevor er zu mir kam, war er schon durch sechs andere Hände gegangen. Da kann man sich ja vorstellen, was da bei so einer kleinen Person alles kaputt gegangen ist und welch ausgeprägte Bindungsstörungen er hat. Ich hoffe, dass seine Seele bei uns langsam heilen kann. Ich bin ja eine Kämpferin. Aber er muss auch mitmachen. Ich bin mit dem Kleinen in psychotherapeutischer Behandlung, weil er sich selbst und auch andere verletzt, Erwachsene und Kinder – oft ganz unverhofft, aus dem Nichts heraus.

Kein Kontakt zu den leiblichen Eltern

Nils hat noch nicht wieder Kontakt zu seinen leiblichen Eltern. Es braucht Zeit, bis er das wieder kann. Ich hoffe, dass Nils weiter bei uns bleiben kann. Aber wir wissen nicht, ob das mit seinen starken Auffälligkeiten klappt, ob wir das auf Dauer tragen können oder uns vielleicht doch andere Hilfe holen müssen. Ich könnte es schwer verarbeiten, wenn ich mir zugestehen müsste, dass ich es mit ihm nicht schaffe. Das würde mir sehr weh tun.

Verlassensängste sind riesengroß

Es hat sich in dem dreiviertel Jahr schon ein bisschen was getan. Aber viele Marotten hat er noch immer, beispielsweise mit dem Kopf durch die Luft hauen, sich wie verrückt im Kreis drehen oder andere einfach ohne Grund schlagen. Ich hoffe, dass er das Schlimme, was man ihm angetan hat, irgendwann einmal verarbeiten kann oder man es therapieren kann. Was ich ihm geben kann, sind Vertrauen, Liebe, ein Zuhause und starke Zuwendung. Nils wartet immer darauf, dass ich einen scharfen Ton anschlage, sonst reagiert er gar nicht. Ich kann mich dabei manchmal selbst nicht leiden. Er schreit jeden Morgen wie am Spieß und klebt wie ein Schatten an mir. Er hat immer Angst, dass ich ihn verlasse und nicht mehr wiederkomme. Ich hoffe aber stark, dass wir bei dem kleinen Kerl noch etwas bewegen können und nicht alles schon zu sehr kaputt ist.

Schwieriges Verhältnis zwischen den Kindern

Das Verhältnis zwischen den beiden Jungs ist schwierig. Das macht es auch für mich nicht leicht. Nils ist sehr aktiv, Anton eher ruhebedürftig. Wenn sich beide weiterentwickeln, ist später vielleicht mal ein Nils da, der den Anton beschützt. Ich möchte, dass die zwei irgendwann einmal richtige Kumpels werden.

Sehnsucht nach heiler Familie ist die Motivation

Was ich selber als Kind nicht hatte, möchte ich jetzt zu mehr als 100 Prozent weitergeben. Ich hatte immer Sehnsucht nach einer heilen Familie, darum kann ich vieles verstehen und in meiner Seele gut nachvollziehen, wie es diesen Kindern geht, die wir betreuen. Deswegen versuche ich denen auch alles zu geben, damit sie nicht so sehr das Gefühl haben, sie hätten gar keine Mama. Ich war das älteste von acht Kindern und hatte keinen Vater und keine Mutter. Meine Mutter hat mich sehr oft bei meiner Oma abgeladen. Meinen Vater habe ich das erste Mal gesehen, als ich 12 oder 13 Jahre alt war. Er verleugnet mich noch heute und besucht mich nur heimlich – und ich bin heute über 50 Jahre alt. Ich habe mich so sehr danach gesehnt, dass sich meine Eltern mal Zeit für mich nehmen. Dass sie das nicht getan haben, ist sehr schmerzlich für mich.

Tolle Sache für die eigene Tochter

Ich wollte schon als Kind niemals so werden wie eine Mutter. Ich wollte aus diesem Teufelskreis raus, wollte etwas schaffen in meinem Leben und habe sehr darum gekämpft. Ich habe studiert, ein Haus gebaut und eine gesunde Familie. Ich bin verheiratet und habe zwei eigene Kinder. Meine Tochter war 13, als Anton zu uns kam. Das war für meine Tochter eine ganz tolle Sache. Sie hat ihn von Anfang an ins Herz geschlossen.

Rückblickend betrachtet habe ich in den letzten zehn Jahren eine Menge durchgemacht. Aber ich würde das alles jederzeit wieder tun, weil dieses ganze Kämpfen ein so tolles Ergebnis bringt.