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Infoabend Erziehungsstelle als Beruf: 19.02.2019

MARTHA SCHULLER

„Die meist schlimmen Erfahrungen, die die bei uns untergebrachten Kinder mitbringen, haben das Leben meiner eigenen Kinder nachhaltig beeinflusst.“

 

Ich habe in den rund zehn Jahren, in denen ich mittlerweile bei proFam arbeite, insgesamt zehn Kinder in meine Familie aufgenommen. Davon sind vier Kinder wieder in ihre Herkunftsfamilie zurückgegangen, eines ist bereits selbstständig und zwei Kinder sind in andere Familien gewechselt. Im Moment betreue ich drei kleine Jungs im Alter von fünf, acht und zehn Jahren.

Hohe Belastung für alle Familienmitglieder

Ich habe schon einige Male daran gedacht, wieder als Erzieherin einer Kita zu arbeiten, pünktlich Feierabend zu machen, Wochenende und Urlaub zu haben. Die Belastung für die Familie und besonders für die eigenen Kinder ist enorm groß und im Vorfeld kaum abzuschätzen. Das ständige Gewöhnen an neue Familienmitglieder und die meist schlimmen Erfahrungen, die die bei uns untergebrachten Kinder mitbringen, haben das Leben meiner eigenen Kinder nachhaltig beeinflusst. Auch die Trennung von lieb gewonnenen Personen und das ständige Verabschieden sind für alle Beteiligten, aber besonders für die Kinder, schwer zu verstehen und manchmal kaum zu bewältigen.

Eigener Herr über die Zeiteinteilung

Ich habe mich dann aber doch immer wieder für die Arbeit bei proFam entschieden, schon allein deshalb, weil ich keinem meiner Pflegekinder zumuten wollte, in eine andere Familie wechseln zu müssen. Manchmal arbeite ich die 40 Wochenstunden, für die ich bezahlt werde, innerhalb von zwei Tagen ab. Dafür ist man in diesem Job sein eigener Herr, man kann sich doch recht flexibel seine Zeit einteilen. Meinen Tagesablauf kann ich weitgehend selbst bestimmen, niemand schreibt mir vor, wann ich was machen soll – das genieße ich schon sehr.

Job ohne Unterstützung von proFam nicht möglich

ProFam als Arbeitgeber im Rücken zu haben, ist sehr wichtig für mich. ProFam sichert mich einerseits rechtlich ab, andererseits stehen mir die proFam-Mitarbeiterinnen jederzeit mit Rat und Tat zur Seite. Völlig auf mich allein gestellt könnte ich diesen Job nicht machen. Den monatlichen Austausch in großer Runde mit meinen Kolleginnen finde ich wichtig und hilfreich. Die überwiegende Zeit ist man jedoch Einzelkämpferin.

Kinder kannten keine regelmäßigen Mahlzeiten

Ich bin noch immer jedes Mal gerührt von der großen Dankbarkeit der zwei älteren Geschwisterkinder, die bei uns leben. Die haben sich anfangs für alles – beispielsweise für jedes Essen, das ich ihnen hingestellt habe – überschwänglich bedankt in dem Bewusstsein, dass es das vorher in ihrem Leben nicht gab und nie selbstverständlich war. Als die beiden zu uns kamen, waren sie fast unkontrollierbar, wie wild. Nicht weil sie böse waren, sondern weil sie es nicht besser wussten.

Angst vor Dunkelheit und verschlossenen Türen

Sie waren total verängstigt, sie haben Windeln gebraucht, bis sie fünf Jahre alt waren. Sie hatten Angst, alleine auf die Toilette oder alleine aus dem Zimmer zu gehen. Wenn sie schliefen, musste ständig das Licht an sein und die Tür offen. Sie wickelten sich in ihre Decken ein, ähnlich einem Nest, und zogen sich total darin zurück, sodass ich sie mehrere Male verschwitzt daraus befreien musste. Nur so hatten sie das Gefühl, sicher zu sein vor den Gefahren, die scheinbar auf sie lauerten. Mit den beiden war es von Anfang an leicht gewesen umzugehen, bei denen hat jede Erziehungsmethode sofort gefruchtet. Innerhalb von kürzester Zeit haben sie sich an bestimmte Regeln und Abläufe gewöhnt. Mittlereile kann ich mich voll und ganz darauf verlassen, dass sie machen, was ich sage. Wenn sie zum Beispiel alleine auf Spielplatz gehen, und ich sage, ihr seid um sechs Uhr wieder da, sind sie es auch.

Kein Vertrauen zu Erwachsenen

Die Kinder sind von dem Lebensgefährten ihrer Mutter schwerst misshandelt worden, das ging hin bis zu Tötungsversuchen. Zum Glück wurden die beiden noch rechtzeitig in Obhut genommen, daraufhin allerdings herumgereicht von Pflegefamilie zu Pflegefamilie, zwischendurch zum Kindernotdienst. Anfangs war ihr Vertrauen in die Erwachsenenwelt zutiefst erschüttert. Ich musste ihnen sagen und erklären, dass man Kinder nicht hauen und einsperren darf, das war für die nicht klar. Die dachten doch, so ist die Welt. Die Kinder waren anfangs so desolat, dass der Größere von beiden immer gefragt hat: Darf ich das mitnehmen, wenn ich wieder gehe, zum Beispiel, wenn er eine Zahnbürste geschenkt bekommen hat. Für die beiden war es normal, dass sie nach kurzer Zeit wieder woanders untergebracht werden.

Hunger am Wasserhahn gestillt

Die Kinder verstanden monatelang nicht, dass es jeden Morgen, Mittag und Abend wieder etwas zu essen gibt. Die beiden sagen bis heute oft nicht, dass sie Durst haben. Sie sind noch immer Selbstversorger, gehen dann ins Bad, nehmen den Zahnputzbecher und trinken Leitungswasser aus dem Hahn – die trinken sich regelrecht satt. Das ist so übrig geblieben, an der Stelle von nichts, Wasser war als einziges immer da. Ebenso wie Toast. Toast ist das Überlebenslebensmittel, was scheinbar selbst in der ärmsten Familie fast immer da ist. Mehrere meiner Pflegekinder fragten mich anfangs immer: Hast Du keinen Toast?

Angst, das Kind könnte die Nacht nicht überstehen

Der kleinste der drei, Lasse, fünf Jahre alt, stammt aus einer Roma-Familie und ist ein ganz energischer und willenstarker Mensch, der resolute Führung braucht, weil er sonst verrückt spielt. Auf der anderen Seite ist er ein ganz charmanter Mensch. Mittlerweile kann er auch manchmal alleine in seinem Zimmer spielen, oft werde ich aber auch wach.

Lasse kam uns, als er fünf Monate alt war. Sein Gesundheitszustand war derartig besorgniserregend, dass ich mich kaum zu schlafen traute, aus Angst, er könnte die nächste Nacht nicht überstehen. Fünf bis sechs Mal Aufstehen in der Nacht war für lange Zeit die Regel. Er schläft noch heute sehr unruhig, wacht oft auf und braucht dann Nähe und Trost. Oft hat er auch gegen zwei oder drei Uhr morgens ausgeschlafen und fängt dann an zu spielen. Lasse ist das Nesthäkchen der Familie, wird von allen sehr geliebt und genießt diese Sonderposition in vollen Zügen. Die emotionale Beziehung kommt der eines leiblichen Kindes und Geschwisterkindes – für meine Tochter – sehr nah.

Unterversorgt in reicher Familie

Mein ältestes Pflegekind ist Miriam, sie ist jetzt Mitte 20. Im Gegensatz zu vielen anderen Pflegekindern stammte Miriam nicht aus einer armen und verwahrlosten Familie, sondern war ein Kind mit einer reichen Familie im Hintergrund. Trotz des Reichtums war Miriam allerdings emotional sehr unterversorgt. Auch zu essen bekam sie nur begrenzt, weil ihre Eltern wollten, dass sie Ballet macht und dafür entsprechend dünn bleiben sollte. Als ihre Eltern Ende der 90er Jahre auswandern wollten, wollten sie Miriam nicht mitnehmen, weil sie nicht das leibliche Kind des Partners ihrer Mutter war und sie befürchteten, dass dadurch Schwierigkeiten bei der Einwanderungsbehörde in den USA hätten auftauchen können.

In der Pubertät zeigt sich die Tiefe der Bindung

Miriam wirkte regelrecht erleichtert, als sie zu uns kam. Hier durfte sie zum ersten Mal in ihrem Leben richtig Kind sein, vorher war sie nur Prinzessin. Sie genoss es, mit Stiften wild herummalen und Unordnung machen zu dürfen. Miriam fragte mich bereits nach anderthalb Jahren, ob sie Mutti zu mir sagen darf. Ich habe es ihr nicht verweigert.

Wenn die Kinder in die Pubertät kommen, trennt sich die Spreu vom Weizen. Damit will ich sagen: In dieser Zeit merkt man, ob man die richtigen Grundsteine gelegt hat. Wenn nach der Pubertät noch eine Bindung besteht, kann man sagen, dass man nicht alles verkehrt gemacht hat.

Pubertierende Kinder haben oft die Wahl

Im Gegensatz zu den eigenen Kindern haben die untergebrachten meist eine Wahl. Sie wissen durchaus, dass es eine Alternative gibt, zu der sie wechseln können. Darum ist es wichtig, bis zu dem Tag, an dem die Kinder in die Pubertät kommen, eine vernünftige Bindung und Beziehung aufgebaut zu haben. Die entscheidende Messlatte ist, wie viel von der Bindung, die vorher da war, nach der Pubertät und der notwendigen Abgrenzung hinterher noch übrig bleibt. Ein Abbruch der Beziehung darf nicht das Ergebnis der Pubertät sein. Das wäre fatal.

Keine Vorwürfe an die leiblichen Eltern

Den Müttern oder Eltern meiner Pflegekinder Vorwürfe zu machen, liegt mir fern. Die meisten hatten doch selber eine schlimme Kindheit und Vergangenheit. Weil sie sich aber nach Familie sehnen, bekommen viele dieser Frauen oft schon in sehr jungen Jahren Kinder. Dabei wissen sie doch oft gar nicht, wie sie mit ihren Kindern umgehen sollen. Darunter, dass sie ihre Mutter teilen mussten, haben meine zwei eigenen Kinder meines Erachtens nicht gelitten.

Job bringt auch mehr Zeit für die eigenen Kinder

Durch diesen Job ist man ja auch für seine eigenen Kinder fast jederzeit greifbar. Vor allem mein Sohn hat es sehr genossen, dass ich den ganzen Tag zu Hause war. Mein Sohn war sich seiner Position in der Familie immer sehr sicher, stand auch ein bisschen über den Dingen und konnte deshalb auch locker abgeben. Andererseits denke ich auch, dass unsere spezielle familiäre Situation ihn früh aus dem Haus getrieben hat – er ist bereits mit 17 Jahren ausgezogen. Bei uns ist es eigentlich so gut wie nie besinnlich, Ausschlafen ist nicht drin, bei uns ist immer was los.

Unterschiedliche Behandlung der Kinder

Meine Tochter hat übrigens immer großen Wert darauf gelegt, dass es Unterschiede in der Behandlung der eigenen Kinder und der Pflegekinder gibt. Sie musste sich sicher sein, dass sie als leibliches Kind eine andere und außerordentliche Position hat. Ich selbst achte auch immer darauf, dass es ausreichend Mutter-Kind-Zeit gibt. Das weiß meine Tochter sehr zu schätzen.