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Infoabend Erziehungsstelle als Beruf: 19.02.2019

CHRISTA DÖRFLER

„Zuhause bin ich einfach Mutter, auch wenn ich einen offiziellen Auftrag habe.“

 

Mit der Unsicherheit zu leben, ob die Pflegekinder vielleicht nach einiger Zeit wieder zu ihren leiblichen Eltern zurückkehren, fällt mir komischerweise nicht sehr schwer. Auch wenn so gut wie alle meine Verwandten und Bekannten sagen, dass sie kein Pflegekind aufnehmen könnten, wenn sie nicht sicher wüssten, ob es auch auf Dauer bei ihnen bleibt. Das hängt sicherlich mit der Erfahrung zusammen, dass ich in der Vergangenheit Kinder ja auch schon weggeben musste. Ich habe nämlich früher bereits mehrere Jahre kurzzeitig Pflegekinder in Krisensituationen aufgenommen, die zwischen zwei Tagen und knapp anderthalb Jahren bei uns lebten. Weil ich schon so viele  Kinder wieder abgeben musste, habe ich diesbezüglich Erfahrungen gesammelt. Die Pflegekinder oft schon nach kurzer Zeit wieder abzugeben, fiel meinem Mann meistens schwerer als mir.

Wunsch nach einem Bus voll Kinder

Ich war 19, als ich geheiratet habe. Schon vor unserer Heirat waren mein Mann und ich uns darüber einig und darüber im Klaren, dass wir neben eigenen Kindern gerne einmal auch noch Pflegekinder aufnehmen wollen – am liebsten einen ganzen Bus voll. Das hat sich mittlerweile allerdings etwas relativiert. Der Wunsch, einmal Kinder aufnehmen zu wollen, war während meiner Lehre gereift. Ich hatte nach der Schule eine Ausbildung zur Erzieherin unter anderem in einem Kinderheim gemacht, wo Kleinkinder bis zum Alter von sechs Jahren im Drei-Schicht-System betreut wurden. Das empfand ich alles andere als kindgerecht. Diese Erfahrung hat zu meinem – beziehungsweise unserem – Entschluss wesentlich beigetragen, später einmal Kinder aufzunehmen, um ihnen Familie zu sein.

Schnelle Wechsel waren Problem für den eigenen Sohn

Nach unserer Heirat haben mein Mann und ich erst einmal einige Jahre auf eigene Kinder gewartet, Auswanderungspläne nach Albanien geschmiedet– und so weiter. Als das mit den eigenen Kindern und den Auswanderungsplänen wegen der Unruhen in Albanien und nicht so klappte wie geplant, haben wir Ende der 90er Jahre erstmals ein Pflegekind aufgenommen: Paul. Paul sollte eigentlich nur kurz bei uns bleiben. Nach dem Tod beider Elternteile haben wir die Möglichkeit bekommen, Paul zu adoptieren. Im Laufe der folgenden Jahre haben wir noch mehrere Pflegekinder aufgenommen, die dann aber meist nach kurzer Zeit, im längsten Fall nach anderthalb Jahren, wieder zu ihren Ursprungsfamilien zurückkehrten. Als Paul drei oder vier Jahre alt war, haben wir eine längere Pause eingelegt und keine weiteren Pflegekinder mehr aufgenommen. Denn Paul hatte große Probleme damit, dass die anderen Kinder oft schon nach kurzer Zeit wieder weg waren. Er fühlte sich verantwortlich dafür, wenn die anderen Pflegekinder gingen. Er dachte, sie müssten gehen, weil er nicht nett genug zu ihnen gewesen sei.

Aus 14 Tagen wurden bereits mehr als vier Jahre

Vor etwa vier Jahren habe ich angefangen, als Erzieherin bei proFam zu arbeiten. Das erste Kind, das ich in dieser Funktion aufgenommen habe, war Amelie. Amelie sollte eigentlich nur 14 Tage bleiben, mittlerweile lebt sie seit mehr als vier Jahren bei uns. Amelies Mutter ist mit der Erziehung ihrer Tochter überfordert. Sie ist eine Sinti und Roma. Ihr fehlte der familiäre Rückhalt, als ihr die Sippe weggebrochen ist, das heißt, ihre Mutter bei der Geburt ihres letzten Kindes starb.

Erste Treffen in feindseliger Atmosphäre

Die ersten Zusammentreffen mit Amelies Mutter fanden in einer sehr feindseligen Atmosphäre statt. Ihre Kinder waren kurz zuvor in Obhut genommen worden. Ich wurde anfangs gehässig von der Mutter angegangen, ob ich denn keine eigenen Kinder haben könne und sie anderen Frauen die Kinder gebären müsse. Mittlerweile hat Amelies Mutter einen beachtlichen Entwicklungsprozess durchgemacht und Vertrauen zu mir und zu der proFam-Erziehungsstellenleitung gefasst. Bei Problemen wendet sie sich inzwischen vertrauensvoll an diese Stelle.

Kind mit ambivalenter Gefühlslage

Amelie hat zu ihrer Mutter noch immer eine intensive Bindung und ist in ihren Gefühlen sehr ambivalent. Neulich haben wir für Amelie eine Geburtstagsfeier organisiert, sie hat viele Freunde eingeladen. Amelie hat sich darüber sehr gefreut und überschwänglich bei mir bedankt. Einige Tage später feierten wir mit ihrer Mutter zusammen in deren Wohnung, da sagt sie traurig: Mama, wäre das schön, wenn ich bei Dir wohnen könnte. In solchen Momenten merke ich immer ganz konkret: Innerlich habe ich Amelie nicht ganz. Das zeigt mir, dass es wichtig ist, wenn man immer doch einen gewissen Abstand für sich im Hinterkopf hat und Amelie nicht ausschließlich in der eigenen Familie sieht.

Bruder kann bei der Mutter leben

Amelie kann mit der Situation, dass ihr kleiner Bruder bei seiner Mutter wohnen kann und sie nicht, oft nur schwer umgehen. Sie fragt sich und uns oft, warum dieser bei ihrer Mutter wohnen darf und sie nicht. Manchmal ist sie sehr traurig und zieht sich in ihr Zimmer zurück.

Nach der schwierigen Situation bei Amelies letzter Geburtstagsfeier sagte ihre Mutter zu mir, dass sie ihre Tochter künftig erst mal auf neutralem Boden treffen möchte, wenn die Situation für Amelie so schwierig sei.

Fünf Unterbringungen in zwei Jahren

Seit einigen Monaten lebt ein zweites Pflegekind bei uns: Theo. Er ist zwei Jahre alt. Über seine Eltern wissen wir so gut wie nichts. Seine Mutter ist wohl sehr jung und selbst im Heim aufgewachsen, sein Vater soll im Gefängnis sitzen. Die Mutter hatte den Kontakt zu ihrem Kind über 1 Jahr abgebrochen, seit sie erfahren hat, dass ihr Sohn wohl dauerhaft woanders als bei ihr aufwachsen wird. Theo ist ein sonniger Kerl, der bereits gelernt hat, überall zu überleben. Wir sind für ihn bereits die fünfte Unterbringung innerhalb von zwei Jahren. Theo war anfangs sehr darauf bedacht, alles richtig zu machen. Jetzt taut er langsam auf und es kommt mehr sein kämpferischer Anteil zum Vorschein.

Kinder raufen sich zusammen

Im Miteinander entspannt sich die Situation langsam, die Kinder wissen um die Brisanz ihrer Situation und raufen sich trotzdem zusammen. Jedes meiner Kinder für sich könnte ein Stadttheater aufmachen, die haben alle richtig Power. Zwei Kinder zeitgleich aufzunehmen, hätten wir uns wegen Paul nicht vorstellen können. Wir wollen den Kindern die Möglichkeit geben, in unsere Familie hineinzuwachsen. Jetzt passte es, darum kam Theo zu uns. Mein Mann und ich haben uns nicht festgelegt, wie viele Kinder wir in Zukunft noch aufnehmen werden. Vielleicht kommt ja bald noch ein weiteres hinzu. Wir achten immer darauf, wie es den Kindern dabei geht. Ich gehe immer Schritt für Schritt vor.

Freiheit, nein zu sagen

Zwischenzeitlich konnte ich mir nicht vorstellen, nach Paul noch ein Kind zu nehmen. Aber das ist inzwischen anders geworden. Mein Mann hat neulich gesagt: Wir haben uns alle Kinder ausgesucht. Wir wurden immer gefragt, ob wir ein Kind wirklich nehmen wollen und hatten auch die Freiheit nein zu sagen. Grundsätzlich denke ich, dass Beruf etwas mit Berufung zu tun hat. Wenn ich zurückschaue, steht in meinen Tagebüchern, die ich geschrieben habe, als ich zehn Jahre alt war, dass ich etwas mit Kindern machen wollte. In gewisser Weise ist meine eigene Mutter auch Vorbild für mich, so wie sie mit Kindern umgeht. Kinder sind einfach dabei, Kinder gehören einfach zum Leben dazu. Ebenso wie es dazugehört, sich selbst ein bisschen hinten anzustellen.

Hilfreicher Blick von außen durch proFam

ProFam nimmt uns Erzieherinnen die Last von den Schultern, die man als normale Pflegeeltern hat. Mit der Zusammenarbeit mit den Eltern kann ich entspannt umgehen, da die vielen Kontakte mit den Eltern von proFam gut gepuffert werden. Ich habe bei dieser Arbeit nie das Gefühl, meine Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen zu müssen. Ich kann es mir leisten, subjektiv auf die Kinder zu schauen, weil es mit den proFam-Mitarbeiterinnen Menschen gibt, die noch den Blick von außen haben. Wenn ich zu den Treffen zu proFam fahre, ertappe ich manchmal dabei, dass ich denke: Ach ja, ich bin ja Erzieherin.

Integration in die Familie hat Grenzen

Hier zu Hause bin ich einfach Mutter, auch wenn wir einen offiziellen Auftrag haben. Man muss sich immer wieder auch eingestehen, dass die Integration der Kinder in die Familie Grenzen hat, aber dabei unterstützen einen ja zum Glück die lieben Kolleginnen. Man muss den Kindern gestatten, uns nicht als ihre Familie anzusehen und sie darin bestätigen, wenn sie uns als ihre Familie wählen.

Respekt vor der Geschichte der Eltern

Ganz wichtig bei unserer Arbeit ist, die Geschichte der Eltern zu akzeptieren und zu respektieren. Wir wollen nicht den Respekt vor den Eltern verlieren, egal, was diese beim Jugendamt oder bei proFam über uns erzählen. Es ist nicht so entscheidend, wie die Eltern sind, sondern wie ich mich gegenüber ihnen verhalte. Auch wenn ich mich manchmal sehr über die Eltern ärgere: Ich komme nicht weiter, wenn ich über die Eltern herziehe und mich über sie aufrege. Das bringt letztendlich nichts, auch im eigenen Interesse nicht. Ich merke nach inzwischen zwölfjähriger Erfahrung, dass es sich etabliert hat, wie wir mit den Eltern zusammenarbeiten: Respekt als Grundeinstellung ist das Wichtigste.