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Infoabend Erziehungsstelle als Beruf: 19.02.2019

CARO HAGEN

„Irgendwie bleiben die Pflegekinder auch immer deine Kinder.“

 

Irgendwann hatte ich Angst, dass ich mein eigenes Kind gar nicht mehr sehe. Ich war damals Ende der 90er Jahre selbstständige Blumenhändlerin. Geregelte Arbeitszeiten sind bei einem solchen Job ein Fremdwort, gemeinsam mit meinem Mann habe ich teilweise mehr als zwölf Stunden am Tag gearbeitet. Im Sommer war dann meist drei Monate finanziell ganz Ebbe, während dieser Zeit wären die Blumen ja nur vertrocknet. Ich war neidisch auf andere, bei denen regelmäßig Geld reinkam. Der Job war hart, nicht nur wegen des ständigen finanziellen Risikos, sondern eben auch, weil ich mich nicht regelmäßig und ausreichend um meine Kinder kümmern konnte.

Kinder waren emotional wie tot

Von einer Bekannten bekam ich dann – vor mehr als zehn Jahren – den Hinweis, dass bei proFam noch Mitarbeiterinnen gesucht werden. Da ich ja gelernte Erzieherin bin, habe ich mich beworben – und wurde genommen. Mittlerweile lebt die zweite Generation Pflegekinder bei uns: Luis, acht Jahre alt, und seine Schwester Tilly, zehn Jahre alt. Ihre Mutter war mit ihren beiden Kindern schlichtweg überfordert. Sie war sehr jung, erst 16 beziehungsweise 18 Jahre alt, als die beiden zur Welt kamen. Die beiden haben sehr schwere erste Lebensjahre hinter sich. Tilly und Luis waren total verunsichert und beziehungsgestört, als sie zu uns kamen. Sie hatten überhaupt kein Vertrauen zu Erwachsenen. Luis hat nicht gesprochen, nicht gelacht, war emotional wie tot.

Kein Vertrauen, dass es immer etwas zu essen gibt

Es hat Monate gedauert, bis Luis begriffen hat, dass es am kommenden Tag wieder etwas zu essen gibt, dass es immer etwas zu essen gibt. Tilly hat nicht die Mangelerscheinungen und Bindungsstörungen wie Luis. Sie ist drei ihrer ersten fünf Lebensjahre überwiegend bei ihrer Oma aufgewachsen.

Kinder leiden unter leeren Versprechungen

Für die Kinder ist die Ankunft in einer Pflegefamilie nicht einfach, denn sie wissen erst mal ja nicht, wie lange sie in der neuen Familie bleiben werden. Oft wollen sich die Eltern, nachdem ihnen ihre Kinder entzogen worden sind, radikal ändern und verbessern. Zumindest erzählen sie das ihren Kindern. Sie versprechen ihren Kindern dann das Blaue vom Himmel und können das dann so gut wie nie einhalten. Das wiederum stärkt dann die Bindung der Kinder zur Pflegefamilie. Die Kinder sind anfangs oft so verstört und traumatisiert, so dass man frühestens nach einem halben Jahr sagen kann, wer da überhaupt bei einem wohnt. Die glücklichen Kinder sind aber letztendlich doch die, die bei uns landen, also in irgendeiner Weise noch „familienfähig“ sind. Denn die ganz schweren Fälle kommen ja meist doch in eine andere Unterbringung.

Lebensmittel unter dem Kopfkissen versteckt

Ganz wichtig für solche Kinder ist ein geregelter Tagesablauf. Sobald der Ablauf und die Rituale nicht mehr stimmen, kriegen die gar nichts mehr auf die Reihe. Viele Pflegekinder sind dermaßen traumatisiert, dass sie zum Beispiel Lebensmittel horten oder sie mit ins Bett nehmen und unter dem Kopfkissen verstecken. Als ich neulich mit meinen Kindern von einem Spieleabend bei einer Nachbarin nach Hause gekommen bin, mussten meine Kinder unbedingt noch Abendbrot essen. Obwohl es bei der Nachbarin ein großes Buffet gab und sich die Kinder dort richtig satt gegessen hatten. Aber sie hätten nicht einfach so ins Bett gehen können, denn sonst hätte ihnen was gefehlt: das gewohnte Ritual Abendessen.

Geregelter Tagesablauf ist enorm wichtig

Also habe ich ihnen noch was hingestellt, sie haben dann noch ein paar Löffel Jogurt gegessen. Erst dann konnten sie beruhigt ins Bett gehen – nachdem alles genauso war wie jeden Tag sonst auch– Abendessen inklusive. Die Kinder bekommen Panik, sobald der Vorrat eines Nahrungsmittels zu Neige geht, beispielsweise der Kakao. Luis will dann nur noch einen halben Löffel, damit die Dose bloß nicht ganz leer wird. Ich muss ihm dann erst die neue volle zeigen, bevor er die alte Dose dann ganz leer machen kann.

Starkes Konkurrenzverhalten unter den Kindern

Luis und Tilly haben sich in den letzten fünf Jahren sehr weiterentwickelt. Luis bekommt mittlerweile Einzelbeschulung, die ihm sehr gut tut. Er hat ADHS, muss regelmäßig Medikamente nehmen und kam in einem normalen Klassenverband überhaupt nicht klar. Er war dort über- und unterfordert zugleich. Inzwischen nimmt er den Stoff der dritten Klasse durch, obwohl er erst in der zweiten ist. Die Kinder haben ein starkes Konkurrenzverhalten untereinander, buhlen beide noch sehr um mich und verpetzen sich gegenseitig. Lange konnte sie miteinander nur schwer spielen, es gab oft Streit und wurde dann sehr laut. Aber im Laufe des letzten Jahres hat sich bei den beiden viel getan. Tilly und Luis haben gemeinsame Interessen entwickelt, zum Beispiel Skateboard fahren und Gesellschaftsspiele spielen, so dass sie jetzt auch gut miteinander spielen können, ohne Stress zu haben. Luis hat in der letzten Zeit einen großen Sprung in seiner Entwicklung gemacht. Er hat Argumentieren gelernt und kann seine Bedürfnisse besser durchsetzen als früher.

Gute Beziehungen zu den Nachbarskindern aufgebaut

Es ist schön zu sehen, wie die Kinder mittlerweile Bindungen und Beziehungen zu anderen Kindern aus der Nachbarschaft aufgebaut haben und manchmal stundenlang miteinander spielen. Das bringt Entlastung und zeigt mir, dass sich die ganzen Kämpfe lohnen. Mama zu mir zu sagen ist übrigens nicht drin: Zu mir sagen die Kinder Caro oder Caro-Mama. Zu Dritten und Außenstehenden sprechen sie von mir aber immer als ihrer Mutter, um sich nicht immer erklären zu müssen.

Mutter sagt vereinbarte Treffen oft kurzfristig ab

Zu ihrer leiblichen Mutter sollen die Kinder eigentlich jeden ersten Sonntag im Monat Kontakt haben. Ihre Mutter sagt allerdings oft kurz vorher die Treffen mit fadenscheinigen Begründungen ab. Häufigeren Kontakt haben die Kinder zur Oma. Die Kinder dürfen sich aussuchen, zu wem sie Kontakt haben möchten: Luis will seit einiger Zeit keinen Kontakt mehr zu seiner Oma haben.

Eigene Tochter empfindet die Kinder als Geschwister

Für meine heute 15jährige Tochter Sally war das Zusammenleben mit Pflegekindern anfangs sehr schwierig. Noch heute sagt sie, dass es mit den Kleinen ganz schön anstrengend ist. Darum ist sie normalerweise auch lieber nur mit einem der beiden zusammen als mit beiden zusammen. Trotz mancher Schwierigkeiten sagt sie aber dennoch, dass sie unsere Pflegekinder als ihre Geschwister empfindet.

Manchmal ist ein Heim die bessere Lösung

Mein Erstes Pflegekind war Mandy. Sie war bereits zwölf und hatte ganz grausame Lebensjahre hinter sich, als sie zu uns kam. Währenddessen lebte ein paar Jahre auch noch Sascha bei uns, der allerdings ein paar Jahre vor Vollendung seines 18. Lebensjahr in ein Heim umzog, was auch die bessere Lösung für ihn war. Wie zu unseren anderen ehemaligen Pflegekindern haben wir auch zu Sascha heute noch Kontakt.

Die ersten Jahre sind oft ein Kampf

Für mich ist die Entwicklung der beiden ersten Pflegekinder, die ich Ende der 90er Jahre aufgenommen hatte, eine entscheidende Motivation für meine Arbeit. Auch wenn die ersten Jahre oft ein Kampf sind – die Kinder haben hier ein schönes Kinderleben und werden immer selbstständiger. Es ist toll zu sehen, wie man es mit viel Einsatz und Liebe schaffen kann, dass aus kaputten Existenzen wirklich noch etwas werden kann. Das Schöne an dem Job ist, dass man sieht, was aus den Kindern später wird, dass sie es schaffen, alleine klarzukommen. Das ist immer wieder die Motivation, weiterzumachen, auch wenn die Schwierigkeiten manchmal riesengroß sind. Auch wenn ich manchmal fast durchdrehe und denke: Was machen die Kinder bloß aus mir?

Mit 20 Kindern unterm Weihnachtsbaum

Ich werde mit Sicherheit noch Mandys Kinder auf dem Schoss schaukeln. Wenn man die Kinder einmal hatte, wird man die nicht wieder los. Irgendwie bleiben die Pflegekinder auch immer deine Kinder. In ein paar Jahren sitze ich dann vielleicht mal mit 20 Kindern unterm Weihnachtsbaum, das ist dann auch in Ordnung.

Der Partner muss den Job mittragen

Wichtig ist es, dass der Partner den Job mitträgt. Diesbezüglich habe ich Glück gehabt. Bei uns ist es so, dass sowohl die Kinder als auch wir noch heute von der gemeinsamen Zeit zehren. Luis und Tilly werden die letzten Pflegekinder sein, die ich betreuen werde, bis sie 18 Jahre alt sind. Mit 18 Jahren müssen die Kinder aus der Pflegefamilie raus, egal, welchen Entwicklungsstand sie haben. Die letzten Jahre bis zur Rente hoffe ich dann noch bei proFam Beschäftigung als Betreuerin in einer Wohngruppe oder ähnlichem zu finden.

Erstes „proFam-Enkelkind“ ist auf dem Weg

In letzter Zeit hat sich das Verhältnis zwischen Tilly und Luis übrigens sehr zum Positiven entwickelt. Die beiden haben gemeinsame Interessen entdeckt, beispielsweise Skateboard fahren und Gesellschaftsspiele spielen, so dass sie mittlerweile ohne Stress gut miteinander Zeit verbringen können. Luis hat einen großen Sprung in seiner Entwicklung gemacht. Er hat gelernt zu argumentieren und kann seine Bedürfnisse besser durchsetzen.

Zu Mandy bleibt abschließend noch zu sagen, dass sie zu ihrem Freund nach Nordhausen gezogen und schwanger ist. Somit erwarten wir das erste proFam-Enkelkind. Wir freuen uns sehr darauf, schon beim nächsten Weihnachtsfest tatsächlich ein Baby unterm Tannenbaum zu haben.